Bildautor: Albert Reif

Geplanter Ausbau der Ski-Infrastruktur zwischen Feldberg und Notschrei bedroht Natur und Umwelt

Presseerklärung des Landesnaturschutzverbandes Baden-Württemberg (LNV) und südbadischer Naturschutzvereine

Naturschutzverbände schlagen Alarm – Ausbaupläne sind völlig überzogen

Steigende Jahresmitteltemperaturen, sommerliche Trockenheit und die immer häufigeren Wärmeeinbrüche im Winter stellen den Skisport im Südschwarzwald in Frage. Bereits in den letzten Jahren haben zahlreiche Lifte in mittleren Höhenlagen ihren Betrieb eingestellt. Jetzt treten die Gemeinden Feldberg, Todtnau und Oberried zusammen mit Skiverbänden und Liftbetreibergesellschaften die Flucht nach vorne an. Sie planen in den nächsten Jahren in den höchsten Regionen des Südschwarzwalds einen viele Millionen Euro teuren Ausbau der Ski-Infrastruktur mit neuen Abfahrtsstrecken, Liften, Beschneiungsanlagen, Wasserreservoirs und Wettkampfstätten. Der Landesnaturschutzverband Baden-Württemberg (LNV), der Badische Landesverein für Naturkunde und Naturschutz (BLNN), der BUND, der NABU, die Naturfreunde und der Schwarzwaldverein der betroffenen Region halten die Pläne für überzogen und schädlich.

Aktuelle Planungen
Das Gebiet des Feldbergs und seiner Nebengipfel ist aufgrund seiner Meereshöhe der wichtigste Wintersportort des Landes Baden-Württemberg. Das Gebiet wurde seit vielen Jahrzehnten mit einer umfangreichen touristischen Infrastruktur ausgestattet. Lifte, Bergbahnen, Abfahrtspisten, Loipen, Beschneiungsanlagen, Erschließungsstraßen, Hotels, ein Parkhaus bedienen einen Besucherandrang von jährlich etwa 2 Millionen Menschen auf Wanderwegen, Loipen und Pisten.

2019 entstand der sogenannte „Masterplan Feldberg“, beauftragt von der Betreibergesellschaft der Feldbergbahnen und ohne Mitwirkung der Naturschutzverbände. Die weitreichenden Pläne erfordern nach damaligem Kostenstand eine Investitionssumme von 40 Millionen Euro, die sich durch die enorme Steigerung von Energie- und Baukosten der letzten Jahre und auch prognostizierter weiterer Verteuerungen wohl fast verdoppeln wird. Die Pläne sehen folgendes vor:

Am Seebuck soll neben dem Zeiger- und dem Seebucklift eine weitere Seilbahn mit 10-er Sesseln entstehen. Um den großen Wasserbedarf für die Beschneiung sicherzustellen, soll zwischen dem Parkhaus und dem Haus der Natur ein bis zu 180.000 Kubikmeter fassendes Wasserspeicherbecken entstehen. Das benötigte Wasser soll zum größten Teil im Menzenschwander Tal und im oberen Wiesental gezapft und dann in Leitungen über 500 Meter hoch auf den Berg gepumpt werden. Am Grafenmatt sollen die 4 bestehenden Schlepplifte (bislang Winterbetrieb) durch einen verlängerten Sessellift ersetzt werden, der auch für den Sommerbetrieb geeignet ist. Eine Option ist ein gastronomischer Betrieb auf dem Grafenmattgipfel.

In der Summe wird sich durch die Liftpläne die Gesamtförderkapazität nicht erhöhen. Allerdings werden bislang untergenutzte Kapazitäten in Bereich Fahl zurückgefahren und dortige Lifte demontiert. Stattdessen werden die Kapazitäten in die familienfreundlichen und stark nachgefragten Hänge am Seebuck und der Grafenmatt verlegt. Die Optimierung der Kapazitäten wird also zu einer größeren Personenbeförderung am Feldberg führen. Kein Wunder, dass der Businessplan von einer ökonomischen Leistungssteigerung in den nächsten zehn Jahren von 8 auf ca. 15 Mio. Euro jährlich ausgeht.
Mit der Verbesserung der Beförderungsleistung wird sich auch die Parksituation wiederum verschärfen. Denn trotz Parkhaus bleibt die Situation an vielen Wintertagen angespannt, zumal der öffentliche Personennahverkehr den Ansturm auf die „alpine Schneeinsel“ nicht bewältigen kann.

In Todtnauberg, Gemeinde Todtnau, plant ein privater Liftbetreiber den bisherigen Stübenwasen-Schlepplift durch einen leistungsfähigeren 4er-Sessellift (2030 statt 900 Personen/Std.) zu ersetzen. Als Ergänzung zum Winterbetrieb mit einer zuletzt sinkenden Zahl von Betriebstagen plant der Betreiber zudem einen Sommerbetrieb. Eine zusätzliche Attraktion bildet eine neu zu bauende, kurvenreiche Abfahrtstrecke für geländegängige Dreiradroller (Mountaincarts). Die Betreiber gehen davon aus, dass die Zahl der Wintergäste um 20 Prozent steigen wird, im Sommer gehen sie von 20.000 zusätzlichen Besuchern aus.

Außerdem plant der Betreiber, den bisherigen einfachen Behelfslift Richtung Stübenwasengipfel durch einen leistungsfähigeren Verlängerungsschlepplift zu ersetzen, der ca. 150 Meter weit ins Naturschutzgebiet führen soll. Dadurch ist eine attraktive Abfahrt (ohne die bisherige Schiebestrecke) über die „Enge“ bis ins Tal hinab möglich. Die Verordnung zum NSG Feldberg v. 27.9.1991 untersagt jedoch unmissverständlich, „Skilifte, Beschneiungsanlagen oder andere Anlagen des Wintersports einzurichten oder wesentlich zu ändern.“

Der Stübenwasen, mit 1388 Metern Höhe einer der aussichtsreichsten und immer noch naturschönen Schwarzwaldgipfel, ist bislang frei von Gebäuden, Straßen und anderen Einrichtungen. Er ist nicht nur Standort vieler seltener (sub-)alpiner Pflanzen, sondern auch Refugium für Zitronenzeisig, Auerhuhn, Wiesenpieper und Ringdrossel. Das Auerhuhn, eine nach Bundesartenschutzverordnung streng geschützte Vogelart, besitzt im Feldberggebiet sein bedeutendstes Vorkommen im Südschwarzwald. In Baden-Württemberg sank die im Frühjahr 2022 ermittelte Anzahl der Hähne erstmals seit Beginn der Erfassungen auf unter hundert Tiere. Bislang ist das Auerhuhn im Bereich des Stübenwasengipfels regelmäßig anzutreffen. Jedoch gelten Verluste von Lebensräumen und Freizeitaktivitäten als Hauptursachen für den besorgniserregenden Rückgang der Art.

Am Trainings- und Wettkampfzentrum des Deutschen Skiverbandes (DSV) für Ski Nordisch/Biathlon und den Parasport am Notschrei wird in erster Linie der Leistungssport gefördert. Vorgesehen sind jetzt zusätzliche Trassen für Loipen, die für den Sommerbetrieb auch asphaltiert werden sollen. Vergrößert werden soll darüber hinaus die Beschneiungsanlage mit Schneekanonen und -lanzen, was die Erweiterung des vorhandenen Wasserspeicherbeckens zur Folge haben würde. Ergänzt werden soll die Beleuchtung für den Nachtbetrieb. Das Lager zur Schneebevorratung einschließlich eines Lagers für Sägespäne, die als Isoliermaterial zur Abdeckung des Schneevorrats dienen, soll vergrößert werden.

Zum Ausgleich für den Ausbau soll ein etwa 3,7 Hektar großes, in schwierigem Gelände gelegenes Waldstück in unmittelbarer Nähe zur Loipen- und Schießanlage in Zukunft nicht mehr wirtschaftlich genutzt werden, sondern stillgelegt werden. Gleiches plant auch die Stadt Todtnau. Diese Waldbereiche können jedoch faktisch bereits jetzt wegen der schwierigen Erschließung und Steilheit des Geländes kaum mehr wirtschaftlich genutzt werden. Die offizielle Stilllegung stellt für die Naturschutzverbände daher keinen Beitrag zu einem funktionellen Ausgleich dar.

Die Planung aus Sicht des Naturschutzes
Der Tourismus ist ein wichtiges, wirtschaftliches Standbein der Region. Unstrittig sind die Bedürfnisse der Hochschwarzwaldgemeinden nach Einkommen und Arbeitsmöglichkeiten im Tourismus. Allerdings erscheint uns eine Trendumkehr unabdingbar. Denn der permanente Ausbau der touristischen Infrastruktur ist regelmäßig mit Verlusten von Lebensräumen und geschützten Arten verbunden. Auf dem höchsten deutschen Mittelgebirgsgipfel finden sich großflächig noch naturnahe Wälder und artenreiche Magerrasen, die Lebensräume für viele hochmontane und subalpine Arten bilden. Nicht ohne Grund gibt es am Feldberg das größte und älteste Naturschutzgebiet (gegründet 1935) in Baden-Württemberg. Sollte es den Liftunternehmen gelingen, nur einen Teil des Wintertourismus auf das Sommerhalbjahr zu verlegen, wäre durch den großen und schwer kanalisierbaren Sommertourismus ein weiterer Artenverlust vorprogrammiert. Erfahrungen zeigen, dass durch ökologische Ausgleichsmaßnahmen solche Verluste nicht kompensiert werden können. Aufgrund der großen Höhenlage sind geeignete Ersatzflächen einfach nicht vorhanden.

Und nicht zuletzt verschlingt der Ausbau der Ski-Infrastruktur riesige Investitionssummen, die ohne öffentliche Gelder nicht realisiert werden können. Auch werden in den kommenden Jahren ungeheure Strom- und Wassermengen für Schneekanonen bzw. Liftbetrieb benötigt werden.

Fazit
Die unterzeichnenden Umweltverbände sehen zwar die Notwendigkeit, die bereits vorhandene Infrastruktur für den Wintertourismus zu konsolidieren. Auch einer Förderung eines naturverträglichen Sommertourismus verschließen wir uns nicht. Beides darf jedoch nicht zu Lasten der Natur gehen. Eine weitere Flächeninanspruchnahme lehnen wir strikt ab. Wir bestreiten, dass es ein öffentliches Interesse an einem derartigen Ausbau der -touristischen Infrastruktur gibt. Denn angesichts von Klimawandel und Artenverlusten ist der Schutz unserer Naturgüter von hochrangigem öffentlichem Interesse und wird im Unterschied zu den ökonomisch begründeten Interessen der heutigen Nutznießer langfristig Bestand haben.

Die jetzt vorgelegten Pläne verstärken den Druck auf die für Baden-Württemberg unersetzliche Natur am Feldberg und treiben den Ressourcenverbrauch weiter in die Höhe. Eine Förderung durch Zuschüsse aus öffentlicher Hand ist heute nicht mehr vermittelbar und wird von uns strikt abgelehnt.

 

Die Presseerklärung erfolgt auch im Namen folgender regionaler Verbände:
• Badischer Landesverein für Naturkunde und Naturschutz (BLNN) (Dr. Albert Reif);
• BUND Regionalverband südlicher Oberrhein (Stefan Auchter) und Hochrhein (Uli Faigle);
• Landesnaturschutzverband, Arbeitskreise Lörrach (Kai Hitzfeld) und Breisgau-Kaiserstuhl (Peter Lutz);
• NABU Südbaden (Felix Bergmann) und Hochschwarzwald (Siegfried Kognitzki);
• Naturfreunde OG Freiburg (Gabi Rolland);
• Schwarzwaldverein Bezirk Hochschwarzwald (Marina Fuss).

 

Fotos zu Pressezwecken (Motive anklicken und herunterladen)
Notschrei_Schneelager 1 Fotograf: Albert Reif
Notschrei_Schneelager 2 Fotograf: Albert Reif
Notschrei_Schneelager 3 Fotograf: Albert Reif

Die Fotos sind ausschließlich für redaktionelle Zwecke frei und kostenlos verwendbar. Unter folgenden Voraussetzungen: Hinweis auf den genannten Fotografen und unter Nennung des LNV sowie der entsprechenden LNV-Pressemitteilung. Jede darüber hinausgehende Nutzung ist ausdrücklich kostenpflichtig (Kontakt: info@lnv-bw.de)

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