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Naturschützer: Initiatoren der „Initiative Praxispfad CO2-Reduktion“ sind auf dem Holzweg

Landesnaturschutzverband: Abkehr von der Energieeffizienz wäre Geisterfahrerei!

Unter dem Titel „Initiative Praxispfad CO2-Reduktion im Gebäudesektor“ haben einige Professoren aus den Fachbereichen Architektur und Ingenieurswesen ein „Manifest für einen Kurswechsel in der Klimapolitik“ verabschiedet und breit kommuniziert. Prominentester Unterzeichner ist Werner Sobek, vielfach preisgekrönter Inhaber eines weltweit tätigen Architekturbüros mit Hauptsitz in Stuttgart. Kurzgefasst ist die Botschaft des Manifestes: „Vergesst die Energieeffizienz, wir haben genug regenerativen Strom, um damit auch wenig gedämmte Gebäude zu beheizen und das kostet weniger als Energiesanierung!“. Das widerspricht eklatant dem bisherigen Konsens in der Klimapolitik, durch Gebäudesanierung den Energiebedarf von Gebäuden zu reduzieren und dann den Rest regenerativ zu decken, etwa durch Wärmepumpen, entgegnet der Landesnaturschutzverband Baden-Württemberg. Mittlerweile besteht sogar die Gefahr, dass die Botschaft des Manifests im Koalitionsvertrag auf Bundesebene verankert wird.

Ist das Manifest endlich das richtige Rezept, um Gebäude klimaneutral zu machen oder Geisterfahrerei? Eher letzteres, sagt der Landesnaturschutzverband Baden-Württemberg (LNV), Dachverband von 36 Naturschutzvereinen in Baden-Württemberg.

Die Autoren legen zwar auch nach Auffassung des LNV den Finger in die richtige Wunde: im Gebäudesektor werden die Klimaziele bisher verfehlt. Aber zu wenig wird in energetische Altbausanierung investiert, auch wenn die Neubauten meist einen guten Energiestandard haben. Daraus den Schluss zu ziehen, auf Altbausanierung und Wärmedämmung zu verzichten, ist nach Ansicht der Naturschützer des LNV aber der falsche Schluss. „Wenn sich viele Autofahrer nicht an Geschwindigkeitsbeschränkungen halten, hebt man diese ja auch nicht auf, sondern installiert vielleicht einen Blitzer“, so LNV-Vorsitzender Gerhard Bronner. Blitzer gibt es beim Bauen aber keine: energetische Vorgaben beim Bauen und Sanieren werden kaum kontrolliert.
Bisher galt, Häuser sollen in einem Zustand sein, dass sie möglichst wenig Energie benötigen, und der Rest soll regenerativ gedeckt werden. Energieeffizienz sei aber völlig „out“, verkünden die Architekturprofessoren. Statt zu dämmen, soll einfach eine PV-Anlage aufs Dach, eine Wärmepumpe in den Keller und die Heizung solle intelligent geregelt werden – das sei viel billiger als Dach oder Wände zu dämmen. Die Herleitung der Zahlen, mit denen sie diese Aussage begründen, bleibt allerdings im Vagen.
Das „Klimamanifest“ ignoriert auch die Tatsache, dass Wärmepumpen in schlecht gedämmten Häusern ineffizient arbeiten. Während moderne Wärmepumpen in Häusern mit Fußbodenheizungen fünf Einheiten Wärme aus einer Einheit Strom erzeugen können, schaffen sie in ungedämmten Häusern mit ihren hohen Vorlauftemperaturen kaum drei. Bei starkem Frost im Winter ist der Wirkungsgrad noch schlechter: aus minus 20° kalter Außenluft noch Wärme zu entziehen und auf 70° aufzuheizen, ist schwierig. In solchen Situationen reicht die Leistung der Wärmepumpen gar nicht aus und es wird mit einem Heizstab nachgeheizt – künftig in Millionen Häusern gleichzeitig!

Das soll billiger sein als Dämmen?! Zumindest dann nicht, wenn man über variable Stromtarife zu Spitzenzeiten weit mehr pro Kilowattstunde bezahlen muss als heute. Das wird aber kommen, weil eine solche Stromspitzenlast einen gigantischen Netzausbau und ebensolche Speicher erfordern würde – und das zu einer Zeit (Winter), wenn die Solaranlagen besonders wenig Ertrag bringen.
Angesichts der Diktion des Manifestes („alle anderen waren bisher auf dem Holzweg, wir sagen jetzt, wo es lang geht!“) bleiben manche Aussagen seltsam unklar. Wollen die Autoren jetzt gar keine Wanddämmung (so liest sich der größte Teil) oder dünnere Wanddämmung? So wird auch plädiert für „maßvolle Sanierung“ mit 6 cm Fußbodendämmung und 14 cm Wanddämmung, was so schlecht gar nicht ist. Da der Kostenunterschied bei dickeren Dämmstoffen angesichts der Gesamtkosten gering ist, kann man allerdings mit dünnen Dämmstoffen kein Geld sparen. Wenn dämmen, dann richtig!
Der behauptete Gegensatz zwischen Energieeffizienz und CO2-Reduktion ist unsinnig und konstruiert. Tatsächlich dient die Energieeffizienz der CO2-Reduktion, und zwar in der Regel kostenreduzierend.

Was soll ein „gesetzlich beschlossener Transformationspfad“ ohne Durchgriff auf die Akteure? Und was soll eine neue Behörde, die die Transformation (oder deren Scheitern) beobachtet, ohne handeln zu können? Die neue Behörde soll wohl die Deutsche Energieagentur ersetzen, weil man deren Credo („Mehr Effizienz!“) ablehnt.
Das Manifest transportiert die Botschaft, wir hätten erneuerbare Energie im Überfluss. Sie wird aber noch über Jahrzehnte hinaus knapp sein und ist mit zu hohen Belastungen und Kosten verbunden, um sie via Wärmepumpen in ungedämmten Gebäuden zu verschwenden.

Der LNV hofft, dass sich die Gerüchte nicht bewahrheiten, im neuen Berliner Koalitionsvertrag würde die Bedeutung der Energieeffizienz zurückgestuft. Zumindest lässt die Aussage Schlimmes befürchten, das Heizungsgesetz, das es als solches gar nicht gibt, würde abgeschafft.

Hintergrundinformationen
https://www.initiativepraxispfad.de/

https://www.nbau.org

Pressemitteilung als PDF-Datei zum download: LNV widerspricht der Initiative Praxispfad CO2