„Wie entstand das ökologische Bewusstsein?“

Festvortrag von Dr. Erhard Eppler zum 40-jähriges LNV-Jubiläum

Herr Ministerpräsident, Herr Ehret, meine Damen und Herren, in der Diskussion zwischen den Herrn Ministerpräsident Kretschmann und Herrn Ehret eben hat sich gezeigt, dass Naturschutz und Ökologie zwar vielfach verflochten sind, aber trotzdem nicht dasselbe. Ich begegne dem Naturschutz etwa, wenn ich von meinem Haus zum Grab meiner Eltern gehe und dort an wunderschönen Eichen vorbeikomme, die als Naturdenkmäler gezeichnet und geschützt sind. Inzwischen weiß ich, dass der Naturschutz mit der Ausweisung von Naturdenkmälern begonnen hat. Warum werden sie geschützt? Nicht deshalb, weil für den Fall, dass sie gefällt würden, die Zukunft der Menschheit auf dem Spiel stehen würde. Auch nicht das Klima. Sondern weil es wunderschöne Exemplare einer Baumart sind, etwas Prächtiges, etwas die Landschaft Verschönerndes, etwas, was unser Schönheitsgefühl anregt. Wir lieben etwas derartiges, verehren es, unabhängig davon, was es uns nützt oder schadet. Wenn ich als jüngerer Mensch wandern ging und eine Orchidee fand, sagte mir meine Frau, die von alledem viel mehr verstand, die stehe unter Naturschutz. Dies nicht deshalb, weil die Menschheit Schaden nehmen würde für den Fall, dass ich sie abpflücke, sondern weil es ein wunderschönes Exemplar dessen ist, was die Natur hervorgebracht hat und weil wir wollen, dass unsere Enkel und Urenkel auch noch eine so schöne Pflanze sehen können.

Warum erzähle ich das? Ich sage es, weil der Naturschutz zuerst einmal die Natur als solche meint, während der Umweltschutz – in der Vorsilbe „um“ steckt das bereits drin – sich mit dem beschäftigt, was um den Menschen herum ist. Ihm geht es nicht um die Vielfalt, um das Eigenrecht der Natur, sondern um die Wirkung auf die Menschen.
Im Brockhaus kann man zum Stichwort „Ökologie“ folgendes lesen: „Ökologie ist die Einsicht, dass die Natur Veränderungen nur in sehr begrenztem Maße verträgt, ohne irreversible Schäden zu erleiden. Die Menschheit als ein Glied des globalen Ökosystems gefährdet mit deren Gefährdung sich selbst in ihrer Existenz.“
Das heißt, bei der Ökologie geht es zuerst einmal und vor allem um die Zukunft des Menschen, um das, was er der Natur antun darf oder auch nicht, wenn er selbst eine Zukunft haben will. Das Gefühl dafür, dass die Natur etwas Eigenständiges mit Eigenwert ist und auch etwas Schönes, ist sehr alt. In Europa ist dieses Empfinden in den Jahren zwischen der Erscheinung von Goethes Werther und Goethes Tod entstanden, also etwa zwischen 1770 und 1830. Vorher gab es dieses Naturgefühl nicht. Vielleicht bei Einzelnen, z.B. bei Paul Gerhard, als er „Geh aus mein Herz…“ geschrieben hat. Aber das waren wirklich Einzelne.
Natürlich schließt beides sich gegenseitig nicht aus: Die Liebe zur Natur, die Ehrfurcht vor dem Leben – ich erinnere an Albert Schweitzer – und auf der anderen Seite die Zukunft des Menschen.
Insofern waren die Naturschützer bereits frühe Ökologen. Aber Naturschützer sind von ihrer Aufgabe her eine aktive Minderheit quer durch die politischen Gruppierungen, während die Ökologie sehr früh politisch werden musste, weil sie es zuerst einmal mit der Zukunft des Menschen zu tun hat. Deshalb ist die Ökologiebewegung auch sehr viel jünger als die Naturschutzbewegung.
Die Motivationen sind beim Naturschutz etwa 240 Jahre alt, während die Ökologiebewegung und das Thema Ökologie sehr plötzlich gekommen sind. Als ich vor genau 50 Jahren in den Bundestag kam, kannte ich das Wort „Ökologie“ noch gar nicht. In den 60er Jahren gab es praktisch kein ökologisches Bewusstsein, etwas, was man jungen Menschen heute kaum mehr vermitteln kann. Im Wahlkampf 1965, den ich schon als Abgeordneter absolviert habe, hat die eine große Partei
gesagt: „Wir werden den Wohlstand [gemeint war das Sozialprodukt] in zwölf Jahren verdoppeln.“ Worauf die andere große Partei gesagt hat: „Das schaffen wir schon in zehn Jahren.“ Dabei ist es völlig uninteressant, wer nun die erste und wer die zweite Verheißung verkündet hat. Jedenfalls waren beide der Überzeugung, es gehe permanent so weiter. Wir haben hohe Wachstumsraten, wir werden immer reicher, und da gibt es keine Grenze. Das kann beliebig lang so fortgehen.

Die vollständige Rede zum Herunterladen:

Rede von
Erhard Eppler