LNV setzt sich für nachhaltigere schulische Bildungspläne ein

LNV-Projekt „Schule wird nachhaltig“ stellt Ergebnisse vor

Seit zwei Jahren wird intensiv an den neuen Bildungsplänen für die Schulen in Baden-Württemberg gearbeitet – teilweise auch heftig darüber diskutiert. In diese Diskussion hat sich der Landesnaturschutzverband Baden-Württemberg (LNV), Dachverband von 34 im Natur- und Umweltschutz engagierten Vereinen mit insgesamt 540.000 Mitgliedern, mit dem Projekt „Schule wird nachhaltig“ eingemischt. Das Projekt wird von der Stiftung Naturschutzfonds aus Mitteln der Glücksspirale gefördert.
„Schule wird nachhaltig“ setzt an bei der Leitperspektive „Bildung für nachhaltige Entwicklung“ (BNE), die nach den Vorgaben des Landes alle fachbezogenen Bildungspläne als Querschnittsthema aufgreifen sollen. In der bisherigen Schulbildung sieht der LNV deutliche Verbesserungsmöglichkeiten. In der „Naturbewusstseinsstudie“ und dem „Jugendreport Natur“ wurden mangelhafte naturkundliche Kenntnisse der Kinder, Jugendlichen und Erwachsenen belegt. „Ein Großteil der Bevölkerung würde es gar nicht merken, wenn die Hälfte unserer Artenvielfalt verschwinden würde, weil sie die Arten schlicht nicht kennen“, stellt der LNV-Vorsitzende Dr. Gerhard Bronner fest.

Das Projekt „Schule wird nachhaltig“ startete im Sommer 2014 und wird in enger Zusammenarbeit mit der PH Heidelberg durchgeführt. Nach einer Literatursichtung und einer Auswertung im Hinblick darauf, welche Anforderungen und Wünsche Umweltschützer, die Wirtschaft und gesellschaftliche Gruppen an schulische Bildung haben, wurden deutsche Stundentableaus mit Bildungsplänen aus der Schweiz und Schweden verglichen. Folgende Ergebnisse des Projektes liegen nun vor:
• sechs Hauptbotschaften,
• eine umfassende Stellungnahme zu Entwürfen der neuen Bildungspläne,
• eine Sammlung von bisher ca. 1000 Angeboten für außerschulisches Lernen und etwa 350 BNE-relevante, unterrichtsgeeignete Materialien,
• eine Handreichung für Schulen mit Hinweisen zur verstärkten Nutzung außerschulischer Lernorte und
• eine Darlegung des Änderungsbedarfs bei der Lehrer(fort-)bildung.

Die sechs Hauptbotschaften des Projektes lauten
1. Praxisnahes Lernen und Schule als Lernort
Schulgebäude, Schulgelände und Schulinfrastruktur bieten sich als Lernobjekt an. Müllentsorgung und effizienter Energieeinsatz können hier ebenso gelernt werden wie die Erfahrung der „Urproduktion“ im Schulgarten. Ein abwechslungsreich gestaltetes Schulgelände erlaubt Biologieunterricht am lebenden Objekt.

2. Regionales Lernen
Lernen soll verstärkt regional bezogen sein. Schüler sollen verstehen, wie sich ihre bebaute und natürliche Umwelt entwickelt hat. Sie sollen die erdgeschichtliche, vegetationsgeschichtliche, historische und Siedlungs-Entwicklung ihrer Region kennen. Sie sollen Tier- und Pflanzenarten einordnen können, die ihnen im Alltag begegnen.

3. Nutzung außerschulischer Lernorte
Außerschulische Lernorte führen zu einer Weitung des Horizonts der Schüler/innen sowie zu einem wirksameren und nachhaltigeren Lernen. Die konkrete Beschäftigung mit der realen Umwelt und die authentische Begegnung mit Natur und Menschen bedeutet ein Lernen, das auch die Emotionen anspricht.

4. Werteorientiertes Lernen für Nachhaltigkeit
Die Schule soll nicht nur Wissen, sondern auch Werte vermitteln, ohne zu indoktrinieren. Intra- und intergenerationale Gerechtigkeit, faire Handelsbeziehungen, Erhaltung der Biodiversität und Schutz der Umwelt sind Werte, die zwar unumstritten, jedoch zu wenig im Unterricht integriert sind.

5. Weniger Stoff solider lernen
Entscheidend ist nicht, wie viel Stoff im Unterricht behandelt wird, sondern welche Inhalte und Kenntnisse nach Schulende noch beherrscht werden. Hierfür bedarf es deutlich mehr wirksamer und dialogorientierter Unterrichtsformen. Gerade in den MINT-Fächern (z.B. Mathematik) ist es wichtiger, die Basisfähigkeiten durch Wiederholen und anschaulichen Unterricht zu verfestigen, als ein Maximum an Stoff zu behandeln.

6. Aufgabe der Unterscheidung zwischen Haupt- und Nebenfächern …
…in ihrer Bedeutung für Benotung, Versetzung, Priorität bei Unterrichtsausfall. Es reicht, wenn sich die Priorität in der Zuweisung von Stundenkontingenten widerspiegelt. Nicht nachvollziehbar ist dagegen, dass naturwissenschaftliche Fächer, Geschichte und Gemeinschaftskunde als weniger wichtig angesehen werden als Latein oder Spanisch. Das neue Fach „Alltagskultur, Ernährung, Soziales“ ist unbedingt auch im Gymnasium zu verankern.

Der LNV schlägt vor, die gesammelten außerschulischen Angebote und Unterrichtsmaterialien über eine Datenbank (z.B. den BNE-Kompass) den Lehrkräften zur Verfügung zu stellen und diese damit bei der Umsetzung der Leitperspektive BNE zu unterstützen. Jede Lehrerin und jeder Lehrer soll für jedes Thema mit wenigen Klicks passende regionale Angebote finden. Im Idealfall sind diese Angebote durch Links aus der digitalen Fassung der Bildungspläne heraus direkt zugänglich.

Nachfolgend sind einige Impulse aus der Stellungnahme des LNV-Projekts „Schule wird nachhaltig“ an das Ministerium für Kultus, Jugend und Sport zu den Bildungsplänen aufgeführt:

Biologie
• jedes Kind soll ein Herbarium mit mindestens 20 Pflanzen anlegen und mindestens 10 Pflanzenfamilien kennen
• die Metamorphose von Insekten oder Amphibien soll am lebenden Objekt nachvollzogen werden
• intensive Untersuchung eines Biotops

Geographie
• jedes Kind soll die Erdgeschichte seiner Heimat kennen und
• intensives Training im Umgang mit digitalen und analogen Karten
• Recherche der Siedlungsentwicklung der Heimatregion

Chemie
• Besuch eines Analytiklabors, einer Umweltbehörde und eines chemischen Betriebes

Mathematik
• Durchführung einer Vermessungsübung

Physik
• Besuch eines thermischen Kraftwerks und einer regenerativen Energieanlage

Ernährung, Gesundheit, Alltagskultur
• verbindliches Training in erster Hilfe

Und schließlich:
• jedes Kind soll jeweils ein mindestens einwöchiges Sozial-, Berufsorientierungs- und Umweltpraktikum ableisten.

Als Projektabschluss findet am Samstag, den 28.11.2015 im Museum am Löwentor ein Kongress statt. Das Programm ist ab Anfang September hier eingestellt.

LNV-Pressemitteilung
Schule wird nachhaltig

Die LNV-Stellungnahme zu den Bildungsplänen finden Sie hier
http://lnv-bw.de/wp-content/uploads/2015/02/Stellungnahmen_Bildungsplan.pdf

LNV-Stellungnahmen zu den Entwürfen der Bildungspläne