Boden nicht mit Füßen treten!

Ergebnisse des LNV-Zukunftsforum Naturschutz
„Boden – die dünne Schicht, von der wir leben. Vielfalt, Bedeutung und Gefährdung“ am 21.11.2015

Der Landesnaturschutzverband Baden-Württemberg e.V. (LNV), Dachverband von 34 Natur- und Umweltschutzvereinen im Land, nutzte das internationale Jahr des Bodens 2015, um in seinem 16. Zukunftsforum Naturschutz am 21.11.2015 im Stuttgarter Haus der Architekten den Boden genauer unter die Lupe zu nehmen. Welche Bedeutung Boden für das (Über-)Leben nicht nur des Menschen hat, welche Gefährdungen und Schutzmöglichkeiten es gibt, diskutierten Wissenschaftler/innen, Behördenvertreter und Forumsteilnehmer. Es wurde deutlich: die kostbare Ressource Boden ist weltweit gefährdet und verdient höchsten Schutz.

Böden benötigen Tausende von Jahren um zu entstehen, können aber innerhalb kürzester Zeit zerstört werden. Allzu oft werden sie nur als „Dienstleister“ gesehen, die vielfältige Funktionen beispielsweise als Lebensraum, Wasserspeicher und –filter oder zur Nahrungsproduktion bereitstellen. Dass jeder Boden, abhängig von den jeweiligen klimatischen und standörtlichen Bedingungen, einzigartig in seiner Entwicklung und Ausprägung ist und regelrecht als Individuum verstanden werden kann, machte Dr. Ludger Herrmann von der Universität Hohenheim eindrucksvoll in seinem Vortrag deutlich. Er öffnete den rund 130 Teilnehmenden nicht nur durch eine anrührende Musikeinlage – eine melodiöse Vertonung von Bodenprofilen einer Auenlandschaft – Augen und Ohren für den Wert und auch die Schönheit der „Haut der Erde“.

Vor allem aber ist Boden nicht vermehrbar, schlecht regenerierbar und somit eine endliche Ressource. In welch erschreckendem Umfang Böden täglich weltweit durch Versiegelung, Erosion oder falsche Bewirtschaftung unwiederbringlich zerstört oder in ihren Funktionen beeinträchtigt werden, kam im Laufe des Tages immer wieder zur Sprache. Den Blick über den Tellerrand eröffneten Hannah Janetschek und Charlotte Beckh (Global Soil Forum, Institute for Advanced Sustainability Studies e. V.). Sie appellierten an die Verantwortung jedes einzelnen als Konsument: In ihrem Vortrag zur globalen Nachhaltigkeitsagenda zeigten sie, wie eng verwoben Menschen- und Bodenrechte sind. Die steigende Nachfrage der Industrieländer nach Lebensmitteln und Rohstoffen wie Palmöl, die nicht innerhalb der eigenen Landesgrenzen gedeckt werden kann, führt weltweit verstärkt zu einer Übernutzung und Ausbeutung auch der Ressource Boden.

Den Blick zurück ins „Ländle“ führte Dr. Frank Waldmann vom Landesamt für Geologie, Rohstoffe und Bergbau. In seinem reich bebilderten Vortrag veranschaulichte er die Vielfalt der Böden in Baden-Württemberg und die zahlreichen Prozesse, die zu ihrer Bildung führen.

Wie sehr vielfältige Nutzungsansprüche Böden unter Druck setzen, erklärte Dr. Peter Dreher von der Landesanstalt für Umwelt, Messung und Naturschutz. Flächenverbrauch, Erosion und Schadstoffe gefährden tagtäglich die Bodenfunktionen und somit unsere Lebensgrundlage. Da viele Schäden jedoch häufig nicht unmittelbar sichtbar sind, sondern sich nur durch schleichende Veränderungen der Standortbedingungen zeigen, lässt sich die Dringlichkeit eines effektiven Bodenschutzes oft nur schwer vermitteln. Die komplizierte gesetzliche Grundlage mit zahlreichen Rechtsvorschriften, die noch vor dem Bundesbodenschutzgesetz beachtet werden müssen, erschwert zusätzlich einen wirksamen Bodenschutz.

Eingriffe in den Boden müssen im Rahmen der naturschutzrechtlichen Eingriffsregelung ausgeglichen werden. Welche Probleme sich in der Planungspraxis stellen können, zeigte Jens Dünnebier vom Umweltministerium Baden-Württemberg. Da Boden in der Fläche nicht vermehrbar ist, gestaltet sich ein Ausgleich zumeist schwierig; auch können Kompensationsmaßnahmen selbst neue Eingriffe in den Boden darstellen. Oberstes Ziel muss daher sein, mit Boden schonend und sparsam umzugehen, um Eingriffe gar nicht erst hervorzurufen.

Viele Eingriffe in den Boden lassen sich leider nicht vermeiden – aber minimieren. Welche Möglichkeiten es bei der maschinellen Holzernte gibt, um Schäden des Bodengefüges insbesondere durch Verdichtung zu verringern, zeigte Dr. Helmer Schack-Kirchner von der Albert-Ludwigs Universität Freiburg. Das Konzept der permanenten Rückegassen hilft, Schäden in der Fläche zu vermeiden; technische Möglichkeiten wie Superbreitreifen tragen wiederum zur Schonung der Rückegassen bei.

Auf mögliche Schädigungen der Ackerböden durch hohe Radlasten der immer größer werdenden Landmaschinen, durch Pestizide, einseitige Fruchtfolgen und falsche Bearbeitung wies Jonathan Kern, Ackerbaufachberater Bioland e.V., hin und zeigte Möglichkeiten zur Förderung der Bodenfruchtbarkeit.

Ministerialdirektor Wolfgang Reimer vom Ministerium für Ländlichen Raum und Verbraucherschutz sieht Bodenschutz als agrarpolitische Aufgabe und stellte sich der Diskussion mit dem LNV-Vorsitzenden Dr. Gerhard Bronner und den Forumsteilnehmern.
Wie in den letzten Jahren führte Moderator Karl Giebeler gekonnt durch die Veranstaltung, die zeigte: Boden ist viel mehr als Dreck!

Fazit
In seinem Fazit stellte der LNV-Vorsitzende Dr. Gerhard Bronner klar, dass trotz weltweiter Brisanz der Bodenschutz nicht im Fokus der Politik stehe. Stattdessen werden auch in Baden-Württemberg anhaltend Böden z. B. für neue Baugebiete zerstört. Aktuell sehe er die Gefahr, dass die Flüchtlingsthematik instrumentalisiert werde um bewährte und sinnvolle Bau- und Planungsstandards z. B. für den Klimaschutz oder den Natur- und Artenschutz auszuhebeln. Bronner mahnte am Beispiel Syrien: „Konflikte, die Menschen in die Flucht treiben, werden oft auch von Umweltveränderungen verschärft. Dazu gehören wie aktuell in Syrien Klimaveränderungen und Dürren, andernorts aber auch Knappheit an und Zerstörung von fruchtbarem Boden“. Bodendevastation mache aus Bewohnern Flüchtlinge. Ein funktionierender Bodenschutz im weltweiten Maßstab dagegen trage dazu bei, dass Menschen in ihrer Heimat bleiben können.
Weitere Informationen zur Veranstaltung und die Zusammenstellung der Vorträge

LNV-Pressemitteilung
Böden stärker schützen